"Alle haben gesagt: ´Mach es weg!´"
Drei Tage lang hat sie sich mit ihrem Sohn aufs Bett gelegt. Drei Tage lang hat sie ihn angeschaut, ihn gestreichelt, mit ihm gespielt. Am dritten Morgen stand unwiderruflich fest: "Ich bekomme meine Tochter!" Keine Kraft Langsam musste diese Entscheidung für ihr zweites Kind in Petra Kramer* reifen. Während sie sich heute an diese einsamen, quälenden Stunden des Hin und Her erinnert, streichelt sie einem Blondschopf über den Kopf. Der Samen für ein unbedingtes "Ja" zu Melanie hatte in ihr gelegen – doch war überwuchert gewesen von Widerständen, Ängsten, Enttäuschungen. In ihrem Bauch wuchs ihre Tochter heran, doch der Kopf der damals 26-Jährigen war noch nicht reif für eine zweite Schwangerschaft, ihre Kraft noch nicht wieder groß genug, um sich einem Satz entgegenzustellen: "Mach es weg!" Kein Raum für Freude Erst vor zwei Jahren hatte sie sich für ihren Sohn entschieden. "Mach es weg!" Hatten damals ihre Eltern gesagt. "Mach es weg!" auch die ihres Freundes. "Mach es weg!" Wenn Petra Kramer heute ihrem Robin die Schuhe zubindet, klingen die Worte noch schaurig in ihr nach. Drei Monate hatte die gelernte Verkäuferin damals den Vater des Kindes gekannt: "Wir haben uns gefreut." Doch viel Raum war dafür nicht zwischen der Enttäuschung über das Zerwürfnis mit den Eltern und der bedrängenden Frage: "Wie sollen wir das finanziell schaffen?" - Sie arbeitslos, er bei der Bundeswehr.
"Der einzige Halt, den ich damals hatte, war Frau Bremer." Die Beraterin vom Sozialdienst katholischer Frauen ist noch immer eine wichtige Stütze für Petra Kramer. Damals habe sie ihr zugehört – so lange sie reden wollte. Habe ihr geraten – wo immer sie orientierungslos war. Habe ihr finanzielle Perspektiven aufgezeigt – wo sie keine erwartet hatte. "Ich konnte meinem Kind seine erste Kleidung kaufen" – mit Mitteln der Bischof Tenhumberg-Stiftung des Bistums Münster. "Das war eine Riesen-Entlastung." Keine Angst mehr Nach 23 Monaten und drei Wochen – Petra Kramer muss nicht nachzählen – war sie wieder schwanger. Ungeplant. "Abtreibung" ihr erster Gedanke. Der Konflikt mit den Eltern ihres Freundes war gewachsen, der Kontakt zu den eigenen nicht wieder hergestellt, die junge Familie lebte von Sozialhilfe. "Abtreibung!" Sie ließ sich einen Beratungsschein ausstellen – doch abgetrieben hat sie nicht. "Frau Bremer sagte: ´Überstürzen Sie nichts!´" Petra Kramer sprach mit ihren Geschwistern, mit Freunden – und dann legte sie sich drei Tage lang neben ihren Sohn ins Bett...: "Danach war dieser Gedanke weg!" Doch nicht die Probleme: "Mein Freund ist damals zu seinen Eltern gezogen!" Vielleicht, so richtete seine Mutter in der elften Schwangerschaftswoche aus, komme er zurück, wenn sie das Kind nicht bekomme… - Sie bekam es. "Ich hatte Freunde – und Frau Bremer stärkte mir den Rücken. Und das tut sie noch immer." Petra Kramer ist heute allein erziehende Mutter, die ihre Wände streicht, wenn die Kinder sie mit Wasserfarben bemalt haben, die mit ihrer Krankenkasse um gesundheitliche Förderung ihres Sohnes ringt, die für ihre Tochter den richtigen Kindergarten sucht und für einen Zuverdienst in freien Stunden in einer Gastwirtschaft putzt - eine Mutter, die sagt: "Meine Kinder sind alles!" (* Name geändert.)
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